Bier, DIY, das Internet und ausgestorbene Sorten wiederbeleben.

Kronkorken und Flaschenöffner

Auf einer Reise vor zwei Jahren in die USA war ich sehr erstaunt über ein Aufblühen der dortigen Bierbraukultur, ausgerechnet in einem Land, das ich mit gutem Bier bislang überhaupt nicht in Verbindung brachte. Dort entstehen seit etwa zwei Jahrzehnten immer mehr lokale Kleinstbrauereien, die sehr geschmackvolles Bier brauen und regional verkaufen. Diese Art des Bierherstellung war früher so überall in Deutschland üblich, in dem Dorf meiner Großeltern, einen kleinen Marktflecken in Niederbayern, gab es zu meiner Kindheit noch vier Brauereien, bis heute hat nur eine davon als großer mittelständischer Betrieb mit überregionalem Vertrieb überlebt.

Kleine Brauereien, die nach eigenen Rezepten individuelles Bier und so manche Spezialitäten zu bestimmten Jahreszeiten brauten, deren Geschmack das Können und Wissen des jeweiligen Braumeister verrieten, gibt es heute kaum noch. Nur in Franken hat sich diese Braukultur noch erhalten können und wird bis heute erfolgreich gepflegt. Im übrigen Deutschland konnten sich die alten, noch handwerklich arbeitenden Betriebe nicht mehr halten, zu stark war der Konkurrenzdruck durch Industriebrauereien, die Bier in großen Mengen zu günstigen Preisen herstellen – auf Kosten von Geschmack und regionalen Unterschiedlichkeiten. So gibt es heute zwar noch immer viele der alten Biermarken, die allerdings aufgekauft wurden von den wenigen großen internationalen Konzerne wie den belgischen Brauriesen InBev (z.B. Becks, Hasseröder, Dinkelacker, Spaten, Löwenbräu, Franziskaner),  den britisch-südafrikanischen Konzern SAB Miller (z.B. Pilsner Urquell, Grölsch), der niederländische Heineken Holding N.V. (z.B. Hacker-Pschorr, Paulaner, Kulmbacher) oder hier in Deutschland der Radeberger Gruppe (z.B. Jever, Schöffenhoffer Weizen, Binding, Dortmunder Union). Von vielen dieser alten Marken existieren nur noch die traditionsreichen Namen, mit den alten Bieren haben diese leider meist nichts mehr gemeinsam. Die Interessenlage international agierende Konzerne liegt nun mal anders, sie wollen Ihre Produkte dem Geschmack einer breiten Masse angepasst verkaufen und die Herstellung möglichst standardisiert und wirtschaftlich gestalten. Das muss nicht unbedingt bedeuten, dass dabei schlechtes Bier gebraut wird, aber es bedeutet auf jeden Fall, dass regionale Spezialitäten und Besonderheiten sowie aufwändige Herstellungsverfahren mehr und mehr verschwinden und so die frühere Vielfalt Stück für Stück verloren geht, wie am Beispiel der Berliner Weiße weiter unten noch gezeigt wird.

Doch je weiter dieser Prozess voranschreitet, desto öfter fangen Liebhaber von gutem Bier an sich ihr Bier selber zu brauen und es entstehen auch hierzulande wieder kleine gewerbliche Brauereien. Bierbrauen ist zwar ein komplexer Vorgang, aber durchaus im eigenen Haushalt mit relativ einfachen Mitteln machbar. So haben sich für die Zutaten wie Hefen, Malz, Hopfen und Gerätschaften verschiedene Internetshops auf den Bedarf der wachsenden Homebrewer- bzw. Microbrewery-Szene eingestellt und versenden weltweit alles was es so braucht, um ein gutes Bier zu brauen und in einschlägigen Foren werden Rezepte ausgetauscht und Erfahrungen weitergegeben.

Tim Pritlov hat mit seinem Gast Andreas Bogk einen sehr schönen Podcast zum Thema produziert (CRE 194: Bier), in dem Andreas Bogk in aller Ausführlichkeit – der Podcast geht über drei Stunden und in den Shownotes finden sich viele weiterführende Links – Schritt für Schritte den Vorgang des Bierbrauen und nebenbei noch viel Wissenswertes rund um das Getränk Bier erklärt: warum es verschiedene Sorten gibt, was es mit dem Reinheitsgebot wirklich auf sich hat, warum heute alte hiesige Bierhefen aus Amerika verschickt werden – und warum es keine echte Berliner Weiße mehr gibt. Am Beispiel der Berliner Weiße wird nämlich wunderbar deutlich, wie sich die moderne Bierherstellung auf die Vielfalt und Reichhaltigkeit des Angebotes auswirkt. Ähnliche Beispiele finden sich sicherlich auch in anderen Bereichen der industriellen Lebensmittelherstellung.

Die Berliner Weiße nach traditioneller Art wurde mit Hilfe von Milchsäurebakterien gebraut, was dem Getränk einen frischen, säuerlichen Geschmack verlieh. In Verlaufe der letzten zwanzig Jahre machten immer mehr der alteingesessenen Berliner Brauereien aus wirtschaftlichen Gründen zu oder wurden von den großen Konkurrenten aufgekauft. Heute wird Berliner Weiße nur noch von einer Brauerei hergestellt – die allerdings leider nicht mehr nach dem überlieferten Rezept baut. So kam es, dass die echte Berliner Weiße wirtschaftlich ausgestorben ist und mit den alten Rezepten auch die benötigten Zutaten verloren gingen. Andreas Bogk ist es allerdings gelungen, die für die Produktion unbedingt notwendigen alten Milchsäurebakterienkulturen aus einer Flasche unverdorbenem Bier aus dem 1980-er Jahren zu extrahieren und zu vermehren, so dass er jetzt wieder in der Lage ist, traditionelle Berliner Weiße herzustellen. Um das weiter in die Realität umzusetzen hat er auf dem Portal „inkubato“ das Projekt „Berliner Weiße – Rettung eines Bieres“ gestartet und dafür Geld gesammelt – 3.000 Euro waren das Ziel, 16.000 Euro sind inzwischen zusammengekommen.

Wäre das ohne Internet möglich gewesen? Vielleicht. Andreas Bogk hätte sicherlich auch so Bier und seine Berliner Weiße versucht selber zu brauen. Es wäre wohl schwieriger gewesen an die Rohstoffe und die Rezepte zu kommen. Auch der Austausch mit anderen Hobbybrauern wäre nicht so leicht und viele Erfahrungen müsste man selber mühselig machen. Ob die Finanzierung eines solchen Projektes ohne Plattformen wie inkubato überhaupt möglich wären – wer weiß? Alles in allem ist natürlich der Spaß an der Sache, die Neugierde und ein gewisse Besessenheit Grundvoraussetzung für so ein Projekt, aber das Werkzeug Internet macht doch vieles möglich und einfacher, was noch vor einigen Jahren unvorstellbar war.

Wer übrigens in Frankfurt wohnt und gerne selber mal Bierbrauen lernen möchte, der kann bei der Fechenheimer Kleinbrauerei Bier-Hannes ein Brau-Seminar besuchen (oder deren lecker Bier kaufen): http://www.bier-hannes.de/html/fuhrungen.html

Und dazu der Vollständigkeit halber hier noch eine zweite Kleinbrauerei in Frankfurt: „Zu den zwölf Aposteln“ in der Rosenbergerstraße 1 in der Innenstadt: http://www.12apostel.net

Kennt jemand noch weite Kleinbrauereien in der Rhein-Main-Region? Bitte in den Kommentaren ergänzen – danke!

 

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2 Kommentare zu „Bier, DIY, das Internet und ausgestorbene Sorten wiederbeleben.“

  1. sportsfreund sagt:

    Interessanter Artikel. Eine weitere Kleinbrauerei findet man in Mainz:
    http://www.eisgrub.de/deu/frameset.htm
    Abgesehen von den wenigen Kleinbrauereien findet man ja erfreulicherweise auch hin und wieder Kneipen, die nicht nur Industriebier ausschenken. Prost!

  2. finnsland sagt:

    Danke für den Tipp — muss ich unbedingt mal probieren.
    Übrigens sehr schöne Fotos, die Du da auf Flickr hast, echt sehenswert!

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