Musik. Einfach. Machen.
Janjko, ein guter Freund von mir, ist in einem kleinen kroatischen Dorf in Bosnien aufgewachsen. In seiner Jugend in den 1980er Jahren und auch noch später war es ganz normal bei der Arbeit und im Alltag zu singen. Auch Janjko sang viel – nicht schön, wie er selber sagt, aber mit großer Freude. In seinem Dorf wurde viel Musik gemacht, einfache und schnelle, tanzbare Musik. Meist zwei Sänger, begleitet von einer Geige und einer Langhalslaute, ähnlich der türkischen Saz. Sie spielten einfache, mitreißende Lieder, die es nur im Umkreis von ein paar Dörfern gibt – ein paar Ortschaften weiter gab es wieder ganz andere Musik.
Janjko ging dann nach Deutschland und die Musik blieb in seinem Dorf zurück. Hier ist es nicht mehr üblich, bei der Arbeit oder auf der Straße einfach so zu singen und so traute er sich immer weniger – nur selten auf Familienfesten gab es dazu noch die Gelegenheit. Inzwischen singt Janjko kaum mehr und hat viele der alten Lieder vergessen.
Warum ist das eigentlich so, warum wird im Alltag kaum noch Musik selber gemacht? Zwar gibt es hierzulande ein großes Angebot an Musikschulen, viele Kinder bekommen immer noch klassischen Instrumentalunterricht und die meisten Eltern und Kindertagesstätten legen großen Wert auf musikalische Früherziehung, im Alltag dagegen wird kaum noch gesungen oder ein Instrument gespielt.
Haben wir einfach zu viel Musik unbegrenzt zur Verfügung? Janjko erzählte mir, dass die ersten Gastarbeiter, die aus Deutschland in das Dorf zurück kamen, einen Plattenspieler mitbrachten. In der Dorfgaststätte wurde dieser aufgebaut und eine Handvoll Schallplatten von regionalen Musikern wurden ununterbrochen gespielt und das Gasthaus war wochenlang voller von der Musik faszinierter Menschen. Heute wäre es unvorstellbar, sich so lange mit ein paar Platten zu begnügen, wo wir uns aus den Tiefen des Internets jede nur denkbare Musik ohne großen Aufwand ziehen können, wir brauchen die Tonträger nicht mal mehr sammeln und besitzen.
Musik steht uns in einer unfassbaren Fülle zur Verfügung und das meist in bester Qualität. Durch moderne Studiotechnik ist ein Höchstmaß an Perfektion möglich geworden. Durch digitale Nachbearbeitungsmöglichkeiten können Rhythmus und Intonation korrigiert werden, Störgeräusche herausgefiltert, mit Effekten Volumen und Stimmungen erzeugt werden. Das Ergebnis wird dann mit Kompressoren so verdichtet, dass egal auf welchem Gerät und an welchem Ort wir die Aufnahmen hören, sie immer satt und voll klingen. Das verändert natürlich unsere Hörgewohnheiten. Es ist interessant, sich Aufnahmen aus den verschiedenen Jahrzehnten ab den 1960er-Jahren anzuhören und diese mit heutigen Studioaufnahmen zu vergleichen. Mit dem Einzug der Digitaltechnik in die Tonstudios hat sich – vor allem in der Unterhaltungsmusik – unwahrscheinlich viel geändert. Die Produktion eines Albums ohne moderne Nachbearbeitung ist heute nicht mehr denkbar und die akustische Messlatte rutschte daher immer höher.
Kommt es vielleicht daher zu einer immer größer werdenden Kluft zwischen selbst gemachter Musik und der für den Markt professionell produzierten Musik und stehen uns die immer verwöhnteren Hörgewohnheiten der Freude an der selbst gemachten Musik entgegen? Ich befürchte schon und ich ertappte mich immer wieder dabei, mich und meine Musik mit dem zu vergleichen, was so von Spezialisten in Klanglabors destilliert wurde – und mir damit selber die Freude daran zu verderben.
Und nicht nur mir geht es so, ich kenne sehr viele Menschen, die in der Kindheit ein klassisches Instrument erlernten oder einige Jahre in einer Band spielten und deren Instrumente nun in einer Ecke der Wohnung verstauben. Vordergründig mangelt es immer an der Zeit für die Musik, aber sehr oft wird auch von einer schleichenden Frustration erzählt, man könne es einfach nicht gut genug und käme nicht weiter. Gefangen im besser-weiter-höher? Was anscheinend immer mehr verloren geht ist die Freude am Klang, am Ton, am Rhythmus, der Spaß an und mit der Musik.
Mein einziger Vorsatz fürs neue Jahr: Ich will wieder lernen, mit Musik anders umzugehen. Ein Instrument spielen im Wortsinne. Mit der Musik spielen, ohne Zweck und Absicht, jenseits von Noten und Theorie. Das bietet ein Fundament, um Freude am Musizieren entwickeln zu können, die tiefer geht und länger – und auf das, wenn man will, aufgebaute werden kann. So wie Schiller schrieb: “Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“



1. Januar 2012 um 13:37 Uhr
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[...] Ein schöner Text über´s Musizieren bei Finnsland. [...]
7. Januar 2012 um 22:59 Uhr
Meine Oma hat mir auch letztes Jahr davon erzählt, wie sie und ihre 11 (!) Geschwister bei der Arbeit auf dem Feld die ganze Zeit irgendwelche Lieder gesungen haben. Damit verging die Zeit besser, sagte sie.
Ich kann mittlerweile kein einziges Lied mehr, was ich damals im Kindergarten oder Grundschule gelernt habe. Das finde ich ziemlich traurig. Aber ich kann auch gar nicht richtig singen. Vielleicht sollte das egal sein.
Aber es wird auch kaum mehr gepfiffen. Ich kann zwar nicht richtig melodisch pfeifen, aber wenn ich ältere Männer mit einem flotten Liedchen pfeifen höre, freut mich das immer.
10. Januar 2012 um 17:58 Uhr
Stimmt – als Kinder haben wir uns immer Seele aus dem Leib gepfiffen, auch ich habe das lange nicht mehr gehört.
Was ich aber auch interessant fand, war neulich ein Gespräch mit einer älteren Frau. Sie meinte, als es noch üblich war jeden Sonntag in die Kirche zu gehen, sangen die Menschen wenigstens einmal in der Woche laut ein paar Lieder zusammen, egal wie gut man/frau singen konnte. Mitsingen gehörte sich einfach.
Auch wenn ich jetzt nicht der Meinung bin, wir sollten Sonntags in die Kirche gehen, aber dadurch hatten die früher schon eine zusätzliche Gelegenheiten zum regelmäßigen Singen.