Frithjof Bergmann und die Zukunft der Arbeit
Wenn wir heute über Arbeit und die Zukunft der Arbeit sprechen, meinen wir – zumindest im hoch entwickelten Westen – zunächst die bezahlte Erwerbsarbeit. Ob Angestellt oder Selbstständig, für die meisten von uns bedeutet Arbeit die Möglichkeit und Notwendigkeit Geld zu verdienen und damit sowohl die grundlegenden Bedürfnisse zum Leben abzudecken und – sofern noch etwas übrig bleibt – sich etwas Kultur, Bildung und Luxus zu leisten.
Noch vor einigen Jahrzehnten allerdings waren Menschen neben ihrer Lohnarbeit vielfach noch damit beschäftigt, sich selbst zu versorgen und Waren oder Lebensmittel für den Eigengebrauch herzustellen. Solche subsistenzwirtschaftliche Nischen waren zum Beispiel landwirtschaftliche Nebenbetriebe, die Lebensmittel hauptsächlich für den Eigenverbrauch herstellten ebenso wie die Eigenversorgung in der Stadt mittels Schrebergärten und Hinterhofgärten. Auch im handwerklichen Bereich wurden früher viel mehr Waren für den eigenen Bedarf hergestellt, seien es Kleidung, Möbel und Haushaltsgegenstände, selbst beim Hausbau wurden viele der anfallenden Arbeiten selbst erledigt.
Heute gibt es das nur noch in sehr wenigen Lebensbereichen, vorwiegend noch bei der Erziehung der eigenen Kinder, der Pflege von kranken oder alten Angehörigen oder in der Haushaltsführung, obwohl auch hier schon aufgrund der immer mehr geforderten Flexibilität Dienstleistungen in Anspruch genommen werden (müssen).
Für viele ist es kaum mehr vorstellbar, sich Dinge des täglichen Lebens selber herzustellen. Sei es, dass das Wissen und die nötigen Fertigkeiten dazu fehlen, sei es, dass Platz für einen Werkraum und die Werkzeuge fehlen, Eigenleistungen werden immer seltener und kommen nur noch bei einfacheren Arbeiten vor. Zwar boomt die Baumarktbranche und es wird viel Umsatz im Sektor des Do-It-Yourself gemacht, wer sich allerdings in Baumärkten umsieht, wird feststellen, dass der Großteil der Waren vorgefertigte Produkte sind, die nur noch montiert oder aufgebaut werden müssen. Alleine die große Anzahl an Maschinen und Hilfsmittel für alle nur erdenkliche Einsatzzwecke lassen ahnen, dass es mit dem handwerklichen Können nicht mehr so weit her sein kann.
Viele Fertigkeiten, die noch vor einigen Jahren selbstverständlich waren, sind heute verloren gegangen, selbst in den jeweiligen Berufen wurde durch die zunehmende Automatisierung und Computerisierung immer weniger Wert auf überlieferte Fingerfertigkeiten oder Techniken gelegt. Selbst wenn in den Ausbildungen diese noch vermittelt werden, kommen sie im Arbeitsalltag selten zum Einsatz. Kaum ein Schreiner wird in seinem normalen Arbeitsalltag noch Schubkästen zinken oder Tischplatten mit Gratleisten versehen, bei der Schuhherstellung wird kaum mehr ein Schuh zweifach genäht, kein Maler mischt seine Farben selber an, kein Automechaniker klopft aus Blechen Karosserieteile, um Schäden zu reparieren.
Oftmals sind die Waren nicht mehr selber zu reparieren, sie es durch die Konstruktion der Hersteller, sei es durch Miniaturisierung – elektronische Geräte sind heute in der Regel Blackboxen, bei denen im Höchstfall einzelne Module oder Platinen ausgetauscht werden, gelötet wird da nichts mehr. Die heutige Warenwelt ist viel zu komplex geworden, um noch selber jenseits von Bastelei und Hobby aus Leidenschaft irgendetwas qualitativ vergleichbares Herstellen zu können.
Deshalb erscheint es zunächst seltsam, dass der in USA lebende und arbeitenden Philosoph Frithjof Bergmann in seinem Konzept der “Neuen Arbeit, Neuen Kultur” der Eigenproduktion von hochwertigen Waren für den täglichen Gebrauch zur Renaissance verhelfen möchte. Seiner Meinung nach werden die Menschen in – vielleicht schon naher – Zukunft ein Drittel ihrer Arbeitszeit wie bisher mit bezahlten Lohnarbeit verbringen, ein Drittel ihrer Zeit mit “High-Tech-Self-Providing”, also Selbstversorgung auf hohem technischen Niveau und ein Drittel der Zeit mit Arbeit, die sie – wie es Bergmann wörtlich nennt – “wirklich, wirklich wollen” verbringen.
Werden mit dem ersten Drittel, der bezahlten Lohnarbeit, die notwendigen finanziellen Mittel für die Befriedigung der Grundbedürfnisse wie Essen, Kleidung und einem Dach über dem Kopf verdient, können mit dem zweiten Drittel der Arbeitszeit die aufwändigeren und luxuriöseren Dinge des Lebens selbst hergestellt werden. Dies soll nach Vorstellung von Bergmann in kollektiven, nachbarschaftlichen Zusammenhängen geschehen, in “Zentren der Neuen Arbeit”, in denen Werkräume, Werkzeuge und moderne Maschinen und Automaten zur Eigenproduktion auf hohem technischen Niveau zur Verfügung stehen. Bergmann spricht in diesen Kontext von “Fabrikatoren”, computergesteuerten 3-D-Druckern, mit deren Hilfe auch kompliziertere Werkstücke oder Ersatzteile für Reparaturen auch im kleinen Rahmen hergestellt werden können. Hört sich wie Zukunftsmusik an, aber beispielsweise in den Entwicklungsabteilungen der Automobilindustrie sind solche Geräte schon im produktiven Einsatz.
Nun sind computergesteuerte Maschinen so neu und ungewöhnlich auch wieder nicht, CNC-Fräsen und -Drehbänke stehen im metallverarbeitenden Gewerbe schon lange in den Werkstätten, ebenso Wasserstrahl- und Lasercutter für den Zuschnitt von Werkstücken aus verschiedenen Materialien oder computergesteuerter Strickmaschinen im Textilbereich. Neu ist nun das aufbauende Fertigungsverfahren: das Werkstück entsteht nicht durch Abtragen von Material sondern durch ein aufbauendes Verfahren. Diese Technologie steckt allerdings noch in den Kinderschuhen und ist erst in begrenzten Rahmen einsetzbar, entwickelt sich aber sehr rasch weiter.
Die Steuerungstechnik, also leistungsfähige Computer, ausreichend Speicher und die benötigte Software für den Entwurf der Werkstücke und die Ansteuerung der Maschinen, ist heute kein Problem mehr und steht kostengünstig allen zur Verfügung – ein normales Laptop dafür reicht aus und freie Software wurde in der OpenSource-Gemeinde in hoher Qualität entwickelt. Waren noch vor einigen Jahren CAD-Programme für Privatpersonen unerschwinglich und schwer zu bedienen hat sich hier eine Menge getan, sowohl in der Gestaltung der grafischen Benutzeroberflächen, im Leistungsumfangs und bei den Kosten. Alleine schon die Möglichkeiten beispielsweise in der virtuellen Welt SecondLife mit wenigen Klicks einfache 3-D-Objekte online ohne Softwareinstallation auf dem eigenen Rechner zu erstellen, zeigt, wie weit die Entwicklung fortgeschritten ist. Ein weiteres Beispiel ist die freie Software “Blender” für die Entwicklung von 3-D-Freiformobjekten oder SketchUp, ein Softwareprojekt von Google.
Neben OpenSource-Softwareprojekten entstanden in den letzten Jahren auch viele freie OpenSource Hardware-Projekte, beispielsweise der 3-D-Drucker RepRap, dessen Konstruktionspläne frei im Netz stehen und für relativ wenig Geld ebenfalls als Bausatz erhältlich ist. Damit nicht genug, bis hin zu kompletten Autos (ein Beispiel: OScar) werden Projekte gemeinsam im Netz entwickelt und die Konstruktionspläne zur freien Verwendung und Weiterentwicklung zur Verfügung gestellt.
Dann bleibt noch das Drittel der Arbeitszeit, in dem Bergmann sich wünscht, die Menschen könnten zu dem finden und das tun, was sie “wirklich, wirklich” arbeiten möchten. Dahinter steht die Überlegung, das wir alle gerne tätig und produktiv sind, wenn wir nur die Beschäftigung finden würden, die unserem Wesen und unserm Können entspricht, wenn wir also zu unsere “Berufung” finden und diese entwickeln können. Das ist allerdings nur möglich, wenn wir eine Umgebung und anregende Atmosphäre vorfinden, in der wir uns versuchen und ausprobieren können und so Schritt für Schritt dem näher kommen können, was wir “wirklich, wirklich wollen”. Bergmann sieht dies als sehr zentralen Punkt in seinem Konzept der neuen Arbeit, er beschreibt die Art und Weise, wie wir heute noch arbeiten, mit den Worten “Arbeit als milden Krankheit” – der Mensch, der sich den Produktionsabläufen und -anforderungen unterzuordnen hat und dessen eigentliche Stärken, Talente und Fähigkeiten gar nicht gefragt sind bzw. nur da zum tragen kommen und sich voll entwickeln können, wo es in der Verwertungslogik passend ist.
Würden wir das tun können, was wir “wirklich, wirklich wollen”, wäre Arbeit nicht mehr die “milde Krankheit”, die uns als notwendiges Übel begleitet, sondern ein selbstverständlicher, erfüllender Teil unseres Lebens.
Ein sehr wichtiger Aspekt, der in der Diskussion über Bergmanns Idee der Neuen Arbeit, Neuen Kultur leider oft zu kurz kommt ist die Kombination des Ansatzes der Selbstversorgung mit der Vorstellung von, wie er es nennt, “smart consumption”. Ein Umdenken in unseren Konsumgewohnheiten könnte zu einer ganz anderen Form des Wirtschaftens führen, wobei es nicht vordergründig um Konsumverzicht sondern um einen bewussteren Konsum geht. Welche Dinge benötigen wir wirklich und welche Dinge werden uns für teures Geld aufgeschwatzt? Welche Gegenstände, Geräte und Werkzeuge müssen wir selber besitzen und wo ist es sinnvoller diese zu teilen, wie er es ja beispielsweise in der Idee von gemeinsamen, nachbarschaftlich organisierten Werkstätten, den Zentren der Neuen Arbeit, beschreibt.
Interessant ist an Bergmanns Konzept der Neuen Arbeit und Neuen Kultur, das er immerhin seit den 1980-er Jahren verfolgt, erprobt und weiterentwickelt, dass vieles in den letzten Jahren an parallel laufenden Entwicklungen zu beobachten ist. Weltweit entstehen immer mehr Hackerspaces, gemeinsame Experimentierorte und Werkstätten, in denen neben dem Spaß am Ausprobieren und Entwickeln durchaus auch Dinge nicht nur für den Eigenbedarf produziert werden, FabLabs als Offene Werkstätten, in den neue Technologien für alle zur Verfügung stehen und die schon weiter oben angesprochenen Freien Soft- und Hardwareprojekte. Diese Projekte haben viele Ähnlichkeiten mit den von Bergmann angedachten und auch in manchen Städten erprobten Zentren der Neuen Arbeit und könnten den Geist von Bergmanns Idee weiterführen und weiterentwickeln.
Auch im Bereich von “smart consumption” tut sich einiges: Eine neue Bewegung von Minimalisten probieren neue, moderne Formen des einfachen Lebens aus mit dem Wunsch nach weniger Besitz und dafür mehr Unabhängigkeit und Freiheit, Carsharing ist für immer mehr die bessere Alternative zum eigenen Auto, das Fahrrad erlebt in den Städten gerade eine Renaissance jenseits vom Ökoimage – und so könnten viele Beispiele mehr gefunden werden, in denen andere Formen von Konsum gelebt und ausprobiert werden.
Bei all dem scheint das Internet eine nicht unwesentliche Rolle zu spielen, Ideen können viel schneller verbreitet werden, gemeinsames Arbeiten an größeren Projekten wie beispielsweise die Wikipedia oder freien Softwareprojekten wurden dadurch erst möglich und innovative Entwicklungen beschleunigt.
Auch wenn es an Bergmanns Vision einiges zu kritisieren gibt, sie ist eine positive Vorstellung davon, wie wir selber die neuen Entwicklungen und Technologien direkt und unmittelbar nutzen könnten, um unsere Lebens- und Arbeitsumwelt selbst zu gestalten. Gewiss scheint jedenfalls zu sein, dass wir in Zukunft viel mehr auf gemeinschaftlichen Ebenen arbeiten werden und individueller Besitz an Arbeitsmitteln immer weniger wichtig werden könnte.
Literatur:
Frithjof Bergmann: Neue Arbeit, Neue Kultur. Arbor Verlag, Freiamt, Mai 2004, ISBN 3-924195-96-X
Frithjof Bergmann: On Being Free – University of Notre Dame, November 1977; ISBN 0-268-01492-2
Frithjof Bergmann: Die Freiheit leben. – Arbor Verlag, Freiamt, 2005; ISBN 3-936855-03-X
Frithjof Bergmann/Stella Friedmann: Neue Arbeit kompakt: Vision einer selbstbestimmten Gesellschaft. Arbor Verlag, Freiamt 2007; ISBN 3924195951
Schlagworte: FabLab, Frithjof Bergmann, Hackerspace, neue arbeit, OpenSource, Utopie



22. Juni 2011 um 08:54 Uhr
Also erstmal muss ich sagen ist eine sehr schöne Zusammenfassung von Bergmanns Ideen. Ich habe das Buch “Neue Arbeit, Neue Kultur” vor ca. 2 Jahren auch gelesen und fand darin viele visionäre und neue Denkmuster die mich zum Nachdenken anregten. Besonders beeindruckend fand ich, dass Bergmann in den 80er Jahren mit der amerikanischen Automobilindustrie zusammengearbeitet hat und sie gemeinsam Konzepte erarbeiteten um die vielen Arbeitslosen aufzufangen. Diese Ideen könnten auch prima auf Deutschland angewendet werden, den besonders das Gefühl der Sinnlosigkeit und des “Nichtgebrauchtwerdens” hält viele Menschen, die längere Zeit aus dem Arbeitsprozess heraus sind, davon ab ihre Kreativität und Fähigkeiten in die Gesellschaft wieder einzubringen. Ich sehe da ein riesiges Potential. Und auch mit Blick auf den demographischen Wandel in unserer Gesellschaft muss man überlegen, wie man die Energien und Erfahrungen der älteren Menschen sinnvoll nutzen kann. Auch in diesem Hinblick kann man in Bergmanns Buch für viele schlaue Ideen finden. Den wichtigsten Faktor sehe ich allerdings nicht nur an der Umgestaltung der Arbeiten sondern vielmehr wie wir miteinander leben wollen. Dieser Wandel ist die eigentliche Herausforderung, weg vom Konkurrenzdenken hin zu mehr Gemeinsamkeit und Kooperation. Amen:)
23. Juni 2011 um 10:51 Uhr
Danke – auch wenn meine Zusammenfassung nur sehr oberflächlich ist, es freut mich, wenn ich den Geist von Bergmanns Idee rüberbringen konnte.
Ich glaube auch, dass der von Dir angesprochene Wandel zu gemeinschaftlichen Formen des Lebens und Arbeitens langsam Form annimmt – zumindest scheint es mir in meinem direkten Umfeld so, dass sich immer mehr Menschen wieder für solche Ideen interessieren und aktiv werden. Finde ich sehr spannend und ich will hier auch mehr von solchen praktischen Ansätzen schrieben.
Aber jetzt mache ich erstmal Urlaub
4. Juli 2011 um 20:49 Uhr
Vielen Dank für diese tolle Einführung. Von solchen Ideen zu hören, ermutigt mich, an einen gesellschaftlichen Fortschritt zu glauben. Ich wünsche mir, dass solche Visionen wie Bergmanns mehr und mehr zur Wirklichkeit werden. Mich entmutigt manchmal, dass die heutige Arbeitswelt mit ihrem Fachkräftemangel und dem Überschuss an unterqualifizierten Arbeitern so auseinanderklafft, dass für die Fachkräfte an reduzierte Arbeitszeit (und Gewinn an Zeit für das, was sie wirklich, wirklich wollen) gar nicht zu denken ist, und die unterqualifizierten entweder 3 Jobs haben müssen, um sich über Wasser zu halten oder gleich den sozialstaatlichen Offenbarungseid leisten müssen. Aber vielleicht sind das in der Tat Übergangsphänomene.